Siegfried Rauch | Willkommen auf meiner Homepage |

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Der "Bliemchen" - Kaffee und deutsche Grenzüberschreitung.

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bliemchen.jpgMein Anfänger-Engagement hatte ich am Stadttheater Bremen. 350 Mark Monatsgage waren auch Ende der Fünfziger nicht viel Geld. Für Tafelfreuden jedenfalls blieb nichts übrig. Damals war Hunger noch kein Fremdwort.

Mein Bruder Hermann tat seine ersten erfolgreichen Schritte im Geschäft mit der Mode und führte mich, wann immer er in Bremen aufkreuzte, ganz groß aus. Wir speisten nicht nur feudal, ich verdrückte auch ungeheure Mengen. »Du mußt essen!« befahl Hermann. Und musterte mich so besorgt, als hätte er gerade die ersten Hunger-Ödeme entdeckt. Die Folgen waren schlimm. Reiste Hermann ab, durchlitt ich jedesmal drei, vier schreckliche Hungertage. Denn mein Magen hatte sich blitzschnell an reichliche Nahrung gewöhnt und mußte nun die nächste Schrumpfkur über sich ergehen lassen.

Die Bremer hatten seinerzeit einen Kulturaustausch mit Rostock. So kam ich zu meinen ersten Auftritten außerhalb der bundesdeutschen Grenzen.

Unsere Ostzonen-Kollegen (damals wurde »DDR« allenfalls in Gänsefüßchen geschrieben und gesprochen) waren glücklich über das Pfund Bohnenkaffee, Spende des Bremer Senats, und die kargen Westmark-Spesen.

Wir kriegten drüben reichliche Spesen. In Ostmark. Und wußten nicht, was wir damit anfangen sollten. Allenfalls in Büchern und Schallplatten ließ das Geld sich einigermaßen sinnvoll anlegen.

Das Grandhotel in Wamemünde, wo wir wohnten, war von außen reinste Belle Epoque. Innen kam der Sozialismus überall durch.

Wir spielten Ibsen und Strindberg. Nur Stücke, die in hanebüchener Manier auf sozialistische Unbedenklichkeit abgeklopft waren. Könige waren grundsätzlich nicht erlaubt, ganz gleich, aus welcher Epoche.

Die Nächte jedenfalls waren lang in Rostock und in Warnemünde. Und früh um sieben klopfte es, die sozialistische Ausführung eines Zimmermädchens kam ohne Umstände herein und sagte sehr nett und kameradschaftlich: »Na, was is` denn das! Die Sonne scheint, und noch im Bett! Raus! Raus, Genossen! Ich will das Zimmer machen!« klatschte dabei in die Hände, daß es wie Gewehrschüsse knallte.

Ich schenkte mir den labbrigen »Bliemchen-Kaffee« und trollte mich zum Strand. Aus vielen großen Lautsprechern drang, mit Marschmusik garniert, Aufklärung über die Unübertrefflichkeit des Sozialismus. Es war deprimierend. Auch für einen jungen Schauspieler, dem es in Westdeutschland alles andere als glänzend ging.

Obwohl es zujener Zeit in der DDR an so gut wie allem mangelte, gab`s gastronomische Lichtblicke.