1966 strahlte Hongkong noch eine ungeheure Faszination aus. Jedenfalls auf mich, der noch nicht viel von Asien gesehen hatte. Ich hätte mir alle Taschen zunähen müssen, um den Verlockungen nicht zu erliegen, die Hongkong als Einkaufsstadt bot.
Über den Lebensmittelmarkt hinter dem Hotel ging ich allerdings ganz ungefährdet, denn aus dem immensen Angebot stachen mir immer wieder zwei Dinge in die Augen: Schlangen und Affen. Die Schlangen tot und abgehäutet, die Affen sehr lebendig und laut. Trotzdem wollte ich wenigstens einmal richtig chinesisch essen. `Wie die Einheimischen. Nicht wie das Millionenheer der Touristen.
Mit einem Taxifahrer, der ein bißchen Englisch sprach, handelte ich die Sache aus. »Ich hab verstanden, Mister. Ich bring dich hin, wo ich selbst essen geh`.« »Dort gibt`s keine Touristen?« »Du wirst der erste sein, Mister. Ehrenwort.«
Nach zehn Minuten Fahrt konnte ich nicht mal mehr die Himmelsrichtungen unterscheiden. Das Lokal, vor dem wir hielten, war etwa drei Meter breit. Die Gegend sah wirklich nicht aus, als würde sie in näherer Zukunft für den Tourismus erschlossen. Der Wirt und seine Familie spra-
chen kein Wort Englisch. Ich war froh, daß ich den Taxifahrer festgehalten hatte. Er dolmetschte für mich. »Alles klar, Mister. Du bekommst, was der Wirt selbst ißt. Okay?« Das war in Ordnung. Genau so, wie ich`s haben wollte. Ich gab dem Taxifahrer ein üppiges Trinkgeld, er hatte sich`s verdient. Dann war ich mit dem Wirt und seiner Sippe allein. Ich fragte mich - zunächst - vergebens, weshalb ich mir so ausgeliefert vorkam.
Die erste Platte, die auf den Tisch kam, enthielt hoch aufgetürmt eine ungeheure Menge von Wirbelknochen.Schlangenfraß, im wahrsten Sinne des Wortes! Der Wirt, dem bestimmt nie zuvor ein europäischer Tourist untergekommen war, stand neben dem Tisch und beobachtete mich unablässig. Er lächelte.
Ich versuchte, wenigstens dahinterzukommen, wonach Schlange schmeckt. Vergebliche Mühe. Das Zeug war so schwarz geröstet, daß ich glaubte, Holzkohle auf der Zunge zu spüren, wenn`s mir schon mal gelang, mit langen Zähnen etwas von den Wirbelknochen abzuknabbern. Und der Wirt wartete mit seinem permanenten Lächeln auf einen Kommentar. »Gut, gut!« würgte ich hervor und nickte, und der Wirt nickte auch und wartete darauf, daß ich mich bis zum bitteren Ende durch die Platte verkohlter Schlangenwirbel fraß.
Die Gemüseplatte, die danach auf den Tisch kam, schien zumindest eine Erholungspause anzukündigen. Bei näherem Hinsehen entpuppte das Gemüse sich jedoch als etwas in der Art des Schierlings, aus dem wir als Buben Blasrohre gemacht haben. Und so aß es sich auch. Falls man das Wort Essen in dem Zusammenhang gebrauchen will. Ich kaute auf den Stengeln herum, bis sie zerfaserten. Ich hatte einen undefinierbaren Geschmack im Mund. Mehr war nicht. Das Zeug schmeckte tatsächlich auf eine furchtbare Weise nach nichts! Und der Wirt stand da, lächelnd, selbstsicher, als hätte er alle Komplimente dieser Welt verdient.
Kein Ende des Martyriums!
Platte Nummer drei enthielt in üppiger Zahl gedünstete Hahnenkämme. Leider handelte es sich nicht um einen poetischen Namen für ganz was anderes: Schillerlocken enthalten keine Haare, Mozartkugeln keinen Mozart, aber diese Hahnenkämme waren Hahnenkämme!
Und sie besaßen die Konsistenz von Kaugummi, aber bei weitem nicht dessen Wohlgeschmack...
Gesündere Zähne als ich kann kein Chinese haben. Ich frage mich heute noch: Wie essen die gedünstete Hahnenkämme? Der Wirt stand neben mir und sah und hörte mir zu und lächelte sein unergründliches orientalisches Lächeln
Der Affe, dem Himmel sei Dank, blieb mir erspart. Obwohl ich aufs Schlimmste gefaßt war. Denn mein Tisch hatte in der Mitte eine kreisförmige Aussparung. Und ich dachte mit Schaudern an eine zufällig mitgehörte Unterhaltung: Wie der lebende Affe von unten durch das Loch geschoben und der Kopf blitzschnell mit einem großen, scharfen Messer abgehauen und sofort in kochendes Wasser geworfen wird, darauf der Schädel geöffnet und das Hirn aus der Schale gegessen. Genug!
Ich zahlte. Das war - trotz unserer gegenseitigen Sprachlosigkeit - noch die leichteste Übung. In Erinnerung an eine hübsche Anekdote, die - wenn ich mich nicht irre - von Roda Roda stammt, legte ich einen Hongkong-Dollar nach dem anderen in die Hand des Wirts, und als sein Lächeln sich um eine Spur verstärkte, nahm ich die letzte Note wieder weg. Draußen fand ich glücklicherweise bald ein Taxi, das mich zu einem von Touristen frequentierten Restaurant brachte.














