»Wir werden nicht mehr in den Wald gehen« hieß der Film, den ich 1968 in Frankreich drehte.
Die Außenaufnahmen fanden in der Nähe von Paris statt, und ich spielte einen desertierten deutschen Offizier, der sich einer französischen Widerstandsgruppe anschloß.
Die Uniformen waren echt. Sie kamen aus einem Pariser Fundus, wo sie offenkundig jahrelang ungelüftet und von Menschenhand unberührt gelagert hatten. Um es kurz zu machen: Sie waren nicht nur unvorstellbar schmutzig, sie hatten auch ein reges »Innenleben«. Als ich auf meiner Hand ein dunkles Pünktchen entdeckte, hielt ich es für den Schorf einer winzigen Wunde. Ich wollte ihn wegkratzen. Da bewegte er sich. Ich war nicht sehr bewandert in der einschlägigen Zoologie. Ein Kollege half mir bei der Identifizierung. Ich weiß noch, es gab Wanzen, Filzläuse - und einige andere Spezies, von denen ich nur die französischen Namen wußte und mittlerweile wieder vergessen habe. Ein allerliebster kleiner Zoo, nur leider auf die Dauer entschieden lästig.
Wir flimten im tiefen Wald. Weit und breit gab`s nur ein einziges, gottverlassenes Dorf Und darin eine Apotheke. Die Zeit schien hier irgendwo gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stehengeblieben zu sein. Und da erschien ich auf der Bildfläche, ein schmutziges, verlaustes Subjekt, aber zweifelsfrei ein deutscher Offizier. Türen schlossen sich. Fenster wurden zu-geknallt. Ich war viel zu sehr mit den beißenden, blutsaugenden Schmarotzem beschäftigt, als daß ich mir was dabei gedacht hätte. Ich sah das Schild: Pharmacie, ging erleichtert darauf zu, öffnete die Tür - und ein verstörter Apotheker zog sich in den hintersten Winkel zurück.Es dauerte eine Weile, bis er die Sprache wiederfand. Meine Fragen gingen ins Leere.
»Wo ... Wo kommen Sie her?« stotterte er. »Aus dem Wald.«
»Aber ... der Krieg ist seit 23 Jahren vorbei !«
»Wie?« Als ich begriff, mußte ich lachen. Ich erzählte von unserem Film.
Aber erst nachdem ich ihm vorgerechnet hatte, daß ich 1945 ganze 13 Jahre gezählt hatte, war er einigermaßen beruhigt.
Daß er gegen deutsche Uniformen allergisch war - wer konnte es ihm übelnehmen?
Ich hatte einige der gefräßigen Tierchen in ein Papier gewickelt und schob`s über den Tisch: »Haben Sie etwas, das dagegen hilft?« Er sah sich die Sammlung an, griff schweigend in ein Regal und stellte eine Flasche vor mich hin. Dann verzog er sich endgültig.
Er muß wohl gedacht haben, ich hätte das Ungeziefer aus Deutschland importiert - und verspürte keine Lust, Opfer einer neuen Invasion zu werden.
Als wir mit dem Film nach Paris ins Atelier gingen, aß ich in der Kantine die beste Zwiebel-suppe meines Lebens - nach dem Originalrezept, wie es seit undenklichen Zeiten in den kleinen Restaurants und Bistros rund um die - mittlerweile leider verschwundenen - Hallen, dem »Bauch von Paris«, verwendet wurde. Und als wir, eine kleine Runde von Feinschmeckern, einmal zusammensaßen und uns nicht über das Dessert einigen konnten, nutzte ich die Gelegenheit, die Franzosen in ihrem eigenen Land mit einem französischen Rezept der unvergessenen Tante Liesi zu überraschen.














