Die Dreharbeiten zu der Serie „ Dr. med, Mark Wedman, Detektiv inbegriffen“ brachten mich nach Rom, Südafrika und Sardinien.
Benedikt war drei Jahre alt. Groß genug, um ihn auf die eine oder andere Reise mitzunehmen. Damit ich mich nicht so oft von der Familie trennen musste — es war ja auch eine finanzielle Frage -, kaufte ich einen kleinen Campingbus.
Nach Rom kamen wir im Spätherbst, die Touristenmassen hatten sich verzogen, die Ewige Stadt war ungewöhnlich still und schön. Damals - 1973 - gab es noch den Campingplatz im Park der Villa Borghese. Wir teilten ihn selten mit mehr als einem Dutzend anderer Camper. Ein buntgemischtes Völkchen. Kaum einer blieb einen ganzen Monat, wie wir. Alle zwei, drei Tage gab es Abschiede oder Begrüßungen. Mehr als genug Gelegenheiten, ein Glas zu trinken, miteinander zu reden.
lch erinnere mich noch an einen jungen amerikanischen Musikstudenten, der in einem winzigen Zelt hauste und früh um sechs Uhr anfing, Querflöte zu spielen. - Wunderschön, so geweckt zu werden.
Dann war da noch eine junge argentinische Familie mit einem uralten Bus. Die Eltern arbeiteten mit unendlicher Ausdauer wunderschönen Silberschmuck, mit dem kleinen Sohn hatte Benedikt sich fast sofort angefreundet; es gibt keine Sprachbarrieren, die Kinder trennen könnten.
Wenn ich abends von den Dreharbeiten >>nach Hause« kam, brachen die Argentinier meist auf um das, was sie tagsüber gefertigt hatten, an der Spanischen Treppe oder einem der anderen Plätze zu verkaufen, wo sich auch um diese Jahreszeit noch Touristen sammelten.
Katzen gab’s - wie überall in Rom — in verschwenderischer Fülle. . .
Uns lief gleich am ersten Tag ein winziges, mageres, von Ungeziefer wimmelndes Stückchen Kater zu, schwarzweiß gefleckt (soweit das zu erkennen war). Wir päppelten den kleinen Kerl auf säuberten ihn, ließen ihn entwurmen und impfen, und zum Schluss gab’s einen herzzerreißenden
Abschied. Das begriff Benedikt aber schon: Einen Römer kann man nicht so ohne weiteres in einen oberbayerischen Marktflecken verpflanzen . . .
Wir filmten an den Kaiserforen und draußen an der Via Appia Antica. Oft fuhr ich mit dem Bus zum Drehort, früh am Morgen. Karin und Benedikt schliefen dann noch — und ließen sich auch durch den Verkehrslärm nicht wecken. Am Forum Romanum zog ich mich eines Morgens gerade — hinter zugezogenen Vorhängen — um, als es einen gewaltigen Stoß gab und im Bus alles durcheinanderflog. Ich schob einen Vorhang zur Seite und sah gerade noch, wie der Lastwagen, der uns gerammt hatte, zurückstieß und in Richtung Via Cavour davonfuhr.
Im nächsten Augenblick saß ich — ohne Hose - am Lenkrad und nahm die Verfolgung auf Mir blieb gar nichts anderes übrig, als die Verkehrsregeln ebenso souverän zu missachten, wie der Lastwagenfahrer es tat.
Die Straßen wurden immer enger, die Verfolgung so riskant, dass ich schon aufgeben wollte. Da versperrte ein Lieferwagen den Weg, der Lkw samt seinem Fahrer saß in der Falle. Glücklicherweise dachte ich an die Hose, bevor ich ausstieg . . .
>>Was willst du von mir? Ich soll dich angefahren haben? Ich hab’ dich nicht angefahren! He, Leute, hört euch das an! Der Tedesco kommt mit seinem Schrotthaufen nach Rom, und ich soll ihm ein neues Auto bezahlen! Mamma mia! Porca miseria! «
Ich war der Kanonade nicht gewachsen. Mein Italienisch reichte gerade aus, das meiste zu verstehen. Zu ähnlich deftigen Erwiderungen reichte es nicht. Da kam ein unscheinbarer Mann im altmodischen Anzug, mit Halbglatze und unglaublich glänzend gewienerten Schuhen, klappte einen Ausweis auf und wies sich als Polizist aus. Der Lkw-Fahrer wurde ganz plötzlich sehr kleinlaut Aber als der Polizist ihm ohne Umstände die Papiere und den Führerschein wegnahm, begann er wortreich und lautstark zu klagen. Plötzlich war ich nicht mehr der unverschämte Tedesco, der einem Unschuldigen ein neues Auto aus den Rippen schneiden wollte, sondern sein Wohltäter, der Retter seiner zehn kleinen Kinder — wenn ich den Polizisten veranlasste, die Papiere wieder herauszugeben. Und wenn ich auf eine Anzeige verzichtete. Ich wollte nichts weiter als den Namen und die Anschrift seiner Versicherung. Mir wurden uns rasch einig, und der Polizist kümmerte sich nicht weiter um die Angelegenheit.
Der Schaden an meinem Campingbus war recht beträchtlich. Ich ließ ihn richten, als wir wieder in Deutschland waren. Nach zehn oder zwölf Wochen bekam ich einen freundlichen Brief von der Versicherung: Der Lkw-Fahrer sei nicht bei ihnen versichert, sei’s auch nie gewesen; vermutlich gehöre er zu jenen, die überhaupt keine Versicherung hätten. Am gleichen Tag, an dem ich ohne Hose durch Rom brauste, schlug mir irgendein unguter Zeitgenosse eine Scheibe des Wagens ein. Geld fand er nicht, aber er nahm sämtliche Papiere und noch einiges mehr mit. Als wir zurückkamen, sah es im Inneren aus, als wäre nicht eine Scheibe zu Bruch gegangen, sondern ein Dutzend.
Glas, wohin man sah. Glas, wohin man trat.
>>Das ist nicht unser Tag«, murmelte ich, von den Widerwärtigkeiten ebenso geschafft wie von der Arbeit. >>Die Wirtin an der Via Appia! « sagte Karin plötzlich. »Was ist mit der? « >>Sie hat einen Bruder! Und der hat eine Autowerkstatt! <<
Das stimmte. Wir aßen oft in der kleinen Trattoria vor den Toren Roms. Anna-Rosa machte die besten fettuccine weit und breit. Wir wurden wie Familienmitglieder behandelt, herzlich und ein wenig rauh. Aber es war Freitag. Es ging auf sechs Uhr zu, Trotzdem fuhren wir hinaus zur Via Appia Antica. Es war der einzige erfolgversprechende Versuch, wenn wir die nächste Nacht in unserem Bus und nicht in einem teuren Hotel verbringen wollten. Der Bruder kam, besah sich den Schaden und begann, ganz furchtbar über die rapitori und ladri unter seinen Landsleuten zu schimpfen.
Er war den Tränen nahe, als er sich — und uns — ausmalte, wie diese Kerle dem Ruf Italiens schadeten. Aber er verlor das Problem darüber nicht aus den Augen.
Während er zum Telefon ging, versprach er mit großer Geste: »Sie kriegen eine neue Scheibe, Signore! Heute noch! << Ich war gespannt, wo er sie beschaffen wollte. Es gab ein VW-Zentrallager, aber am anderen Ende Roms. Und mittlerweile fehlte nicht mehr viel an sieben Uhr. Das Zentralmagazin war noch besetzt. Und eine Scheibe des benötigten Typs war vorrätig. Eine einzige! Salvatore, unser guter Geist, wiederholte die Nummer und ließ sie sich noch einmal bestätigen. >>Die Scheibe kommt<<, sagte er. »Mit dem Taxi. In einer halb en Stunde ist sie da. << Das Taxi brauchte eine Stunde durch den Feierabendverkehr. Als der Fahrer die Scheibe aus dem Kofferraum nahm, sah ich, dass es die falsche war. Salvatore sah es auch. Er fluchte. Er raufte sich das Haar. Er stürzte zum Telefon, wählte die Nummer des Zentralmagazins und erkundigte sich nach dem Geisteszustand seines Gesprächspartners: >>Was hast du im Kopf, ha? Kannst du dir nicht eine einzige kleine Nummer merken? Kannst du nicht schreiben, du Esel? Wie? — Es ist die falsche Scheibe! Die falsche! Nimm die richtige und schick sie her, aber rapido, rapido! « Soweit ich’s mitbekam, schien der Mann im Zentralmagazin besten Willens. Aber nun gab’s kein Taxi mehr...
Gegen neun Uhr wurde die Scheibe gebracht. Die richtige. Salvatore brauchte etwa zwei Minuten, um sie einzusetzen. Und was er für die ganze Aufregung und Mühe verlange, war lächerlich wenig. Wir konnten ihn nicht einmal zum Essen einladen, denn zu Hause warteten seine moglie mit den vier bambini. So blieb uns nichts übrig, als uns allein zu Tisch zu setzen und uns durch Anna- Rosas Kochkünste mit dem Tag versöhnen zu lassen














