Aus dem deutschen Herbst kam ich in den südafrikanischen Frühling.
Die Drehplätze wechselten ständig, ich lernte das ganze Land kennen. Von Johannesburg ging’s nach Durban, von dort nach East-London und weiter ins Land der Strauße: Ein unglaublich weites Hochplateau, wo diese riesigen Vögel in einem irrsinnigen Tempo umher rasen, dass man sicher ist, sie müssten sich im nächsten Augenblick den Hals brechen.
Früher einmal war das ein sehr lukratives Geschäft: Strauße wurden ihrer Federn wegen gezüchtet. Dann kamen Straußenfedern aus der (Damen-)Mode. Offenbar gibt es aber jetzt einen gewissen Trend zurück zu diesem dekorativen Schmuck. Jedenfalls machen die wenigen übriggebliebenen Straußen-Züchter recht gute Geschäfte. Über Kapstadt - eine der schönsten Städte der Welt - reisten wir weiter ins ehemalige Deutsch-Südwest, In Windhuk brauchten wir nicht erst unser Hotel — den Frankfurter Hof- aufzusuchen, um uns heimisch zu fühlen. Windhuk ist immer noch eine deutsche Stadt. Die meisten weißen Kinder sind blondhaarig, fast jeder spricht deutsch - und als wir nach Swakopmund kamen, fühlte ich mich nach Travemünde versetzt. Irgendwann um 1914 muss die Zeit hier stehengeblieben sein . . .
Die Arbeit an der Serie >>Dr. med. Mark Wedman<< ließ mir viel Zeit, Land und Leute kennenzulernen. Zwischen Swakopmund und Walfischbai lernte ich die höchsten Dünen der Welt kennen. Sie ragen bis zu 400 Meter auf >>Was hältst du von einer Skitour am Wochenende? « fragte Hans, ein Einheimischer, den ich ein paar Tage zuvor kennengelernt hatte. Es war sommerlich warm. Ich dachte an Wasserski. »Du brauchst Bretter<<, sagte Hans. »Und Schuhe, natürlich.« Er musterte meine Füße: >>Größe 43? « >>Wasserski mit Schuhen?« Er starrte mich an und platzte laut und fröhlich heraus: >>Wasserski? Du bist gut! Nein, nein, wir haben hier einen richtigen Skiclub, und es gibt ein paar feine Abfahrten Ich muss ihn ziemlich ungläubig angestarrt haben. >>Du denkst, ich spinne, ja? Aber es ist wahr. « >>Skiclub? Abfahrten? Wo denn? Hier gibt’s doch überhaupt keinen Schnee! Und jetzt schon gar nicht, wo euer afrikanischer Sommer beginnt« Ich war wirklich total verwirrt. >>Natürlich gibt’s hier keinen Schnee<<, erklärte Hans geduldig. >>Aber Dünen, nicht wahr? Ich hab’ sie dir gezeigt. Wir fahren von den Dünen ab, und zwar auf der meerfernen Seite, weil sie da steiler sind. « Ich glaubte es erst, als ich’s sah. Es gab sogar eine Sprungschanze. Hans besorgte mir ein paar ganz normale Skier, wie ich sie von zu Hause kannte. >>Es gibt auch schon welche, die eine spezielle Beschichtung für Sand haben. Sind aber noch zu teuer. «
• »Wie lange halten die hier? << fragte ich misstrauisch. >>Der Sand muss sie doch innerhalb kürzester Zeit einfach wegschmirgeln. « »Unser Sand? << fragte er fast beleidigt. »Unser Sand ist so fein, der fließt mit und schmirgelt praktisch überhaupt nicht. « Die Ausrüstung war für einen an Schnee, Kälte und Wind gewöhnten oberbayerischen Skiläufer gewöhnungsbedürftig: Jeans, Sommerhemd und schwere Schnallenstiefel. Das erste und größte Problem war der Aufstieg. Der Sand ging einfach unter den Füßen weg. Hans war — mit den Gegebenheiten vertraut — viel geschickter und lange vor mir oben, Irgendwann schaffte ich’s aber auch, und die unerwartete Möglichkeit, im südwestlichen Afrika an einem heißen Vorsommertag Ski zu laufen, erwies sich als echtes Vergnügen. Es ging nicht wie auf Schnee, aber es ging.
Nach vier, fünf Abfahrten entzündeten wir mitten in der Wüste ein Feuer und grillten wunderbar zartes Lammfleisch. Für mich war das einer der schönsten Tage der ganzen Reise. Als wir nach Swakopmund zurückkamen, fragte mich Willibert, ein anderer Deutscher, der dort lebt: »Hat Spaß gemacht, wie? Offenbar hat dich keine Schlange in den Hintern gebissen. « Er grinste. „ >>Gibt’s da wirklich Schlangen‘? « >>Natürlich. Hübsche kleine Sandvipem. Die graben sich in den Sand ein und gucken nur mit ihren Knopfaugen heraus. « >>Giftig?« Ich schüttelte mich unwillkürlich. »Hochgiftig. Wenn du nicht sofort ärztliche Hilfe bekommst und das richtige Serum, bist du hin. << Ich dachte an einige Stürze, die ich mir — als Anfänger auf dem ungewohnten Untergrund — geleistet hatte. Mir wurde ziemlich mulmig. Nur gut, dass mich niemand vor unserer Skitour auf die Gefahr hingewiesen hatte. Ich hätte den Tag kaum so unbeschwert genossen. . In der Nähe von Johannesburg besuchte ich auf der Rückreise eine Schlangenfarm. Dort werden alle im Land vorkommenden Schlangen gezüchtet. Zu Forschungszwecken, aber hauptsächlich, um ihr Gift zu isolieren und daraus Gegengift zu gewinnen. Man zeigte mir einen stillen, älteren Mann. Er arbeitete seit zwei Dutzenden Jahren auf der Farm und war in dieser Zeit so oft gebissen worden, dass er selbst die Übersicht verloren hatte. Dr. Blümel, Schlangenfachmann und Arzt, erklärte mir: >>Der nächste Biss wird sein Tod sein. Er war eine Zeitlang fast immun, aber nun besitzt sein Körper keine Abwehrkräfte mehr. Er reagiert einfach nicht mehr auf die Seren. Es braucht gar keine grüne Mamba zu sein, irgendein vergleichsweise harmloses Reptil genügt, ihn umzubringen. << »Aber<<, fragte ich fassungslos, >>weshalb bleibt er dann hier?« >>Weil die Farm seine Heimat ist«, entgegnete Dr. Blümel.
Vier Jahre später war ich zufällig wieder in der Nähe. Ich suchte die Farm auf Dr. Blümel war noch da. Der alte Mann nicht mehr. Kurz nach meinem ersten Besuch hatte ihn wieder eine Schlange erwischt. Eine grüne Mamba. Er war sehr schnell gestorben. In Südafrika hatte ich vorübergehend einen kleinen Bungalow gemietet, der auch über eine Küche verfügte. Als ich unerwarteten Besuch bekam, bereitete ich selbst eine kleine Mahlzeit und revanchierte mich damit für eine Einladung tags zuvor. Das erste Rezept stammt von meinen südafrikanischen Freunden, das zweite von mir; es ist ganz einfach zu bereiten, und bis jetzt hat’s allen Leuten geschmeckt, denen ich es vorgesetzt habe.














